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Soldaten sind Moerder


Soldaten sind Moerder

(2004-07-28 21:35:55) Autor: "Markus Ritter"

Nachdem es bisher noch keiner aufgegriffen hat:

Heute vor 90 Jahren begann[1] der Krieg, der
10 Millionen Menschen das Leben kostete und
Kurt Tucholsky zu jenen Sätzen veranlasste:

"Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes,
auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine
halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.
Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder."

Wie sieht das denn die versammelte Leserschaft?

Wann wird aus einem Einsatz, den man antritt um sein
Land, die Demokratie, die Menschenrechte zu schützen
etwas, das in irgendeiner Weise justiziabel werden sollte
(ob man das jetzt Mord, Totschlag, fahrlässige Tötung,
oder gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge nennt
jetzt mal aussen vor), wo fängt die moralische Schuld an?

Entzieht sich der Befehl zum Ausbringen von insgesamt
50000 Kubikmetern Agent orange/white/purple oder
das reale Ausbringen von 2000 Litern der gleichen
Flüssigkeiten der normalen Betrachtung und ist halt im
Krieg hinzunehmen?

Ist das versehentliche Bombardieren eines Zuges, der
nur Zivilisten befördert und in einem Land fährt, mit dem
man nicht im Krieg steht, etwas ganz anderes als das
versehentliche Vergessen eines Schraubenschlüssels an
einem Überdruckventil (was zu 1 Toten, 4 Schwerverletzten
und einer Gefängnisstrafe für den Vergessenden endete)?

Ist das Verschiessen von DU-Munition ein normaler Vorgang,
obwohl es mittlerweile keine ernsthafte Studie gibt, die diese
Munition als harmlos einstuft und man damit ganze Landstriche,
aber auch die eigene Armee einem Risiko aussetzt, das weit über
die Dauer des eigentlichen Konfliktes hinausgeht?

Ist beim Verschiessen von Streubomben halt hinzunehmen, dass
10-30% der Bomblets als Blindgänger den Konflikt überleben,
um Jahre später in den Händen eines Bauern oder Kindes zu
explodieren?

Ist das Bombardieren einer Hochzeitsgesellschaft, in der man 2
Terroristen vermutet völlig frei von juristischer oder moralischer
Betrachtung?

Gestattet man einfachen Soldaten im Krieg einen so grossen
Freiraum, weil in der Hektik des Gefechts halt auch mal was
schief geht?

Gestattet die Gesellschaft der siegenden Nationen ihren
Führungspersönlichkeiten einen so grossen Freiraum, weil
"die Anderen" halt angefangen haben und man sowieso
immer mit dem Sieger ist?

Markus, der während einer Übung in Mourmelon
Verdun besuchen durfte und dessen "Räuber-und-
Gendarm-Gefühl" einen erheblichen und dauernden
Knacks bekommen hat (ich war nicht allein).

[1]Kriegserklärung von Österreich-Ungarn an Serbien.
Manche mögen den Termin am nächsten Mittwoch
sehen.

Soldaten sind Moerder

(2004-07-28 22:23:15) Autor: General

Soldaten sind Moerder

(2004-07-28 22:23:15) Autor: Ingo Heinscher

Markus Ritter wrote:

[...]
> Wann wird aus einem Einsatz, den man antritt um sein
> Land, die Demokratie, die Menschenrechte zu schützen
> etwas, das in irgendeiner Weise justiziabel werden sollte
> (ob man das jetzt Mord, Totschlag, fahrlässige Tötung,
> oder gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge nennt
> jetzt mal aussen vor), wo fängt die moralische Schuld an?

Eigentlich ist das im deutschen Recht ünberraschend eindeutig geregelt. In
anderen Ländern offenbar nicht so.

Bei uns allerdings wurdenn diese Regeln in der Vergangenheit deutlich
aufgeweicht. Natürlichnur für die Gute Sache (Trademark geht hier nicht,
prior use kann nachgewiesen werden).

[...]
> Ist das Bombardieren einer Hochzeitsgesellschaft, in der man 2
> Terroristen vermutet

...Mord? Ja.

Natürlich wird in einem Verteidigungsfall auf Dauer die Moral bei den
Beteiligten nachlassen, das ist leider nicht verhinderbar. Da man das
weiss, kann es konsequenterweise dann auch nicht bestraft werden, wenn es
denn passiert und sich im realen Leben und Sterben zeigt. Keiner von uns
ist dagegen völlig immun.

Aus genau diesem Grund ist das Beginnen eines Krieges eines der schlimmsten
Verbrechen, die es gibt (soweit meine Meinung) und die unser Strafrecht
kennt. Das darf niemals vergessen werden.

Soldaten sind Moerder

(2004-07-29 01:06:21) Autor: Robert Zehn

Markus Ritter wrote:

> Entzieht sich der Befehl zum Ausbringen von insgesamt
> 50000 Kubikmetern Agent orange/white/purple oder
> das reale Ausbringen von 2000 Litern der gleichen
> Flüssigkeiten der normalen Betrachtung und ist halt im
> Krieg hinzunehmen?

Hierbei handelte es sich eigentlich nicht um eine Kriegshandlung im
eigentlichen Sinn. Die Ausbringung erfolgte über Südvietnam, die für
Menschen schädliche Wirkung ist auf unbeabsichtigte Fehler bei der
Produktion zurückzuführen.

> Ist das versehentliche Bombardieren eines Zuges, der
> nur Zivilisten befördert und in einem Land fährt, mit dem
> man nicht im Krieg steht, etwas ganz anderes als das
> versehentliche Vergessen eines Schraubenschlüssels an
> einem Überdruckventil (was zu 1 Toten, 4 Schwerverletzten
> und einer Gefängnisstrafe für den Vergessenden endete)?

Das kann man wohl nicht vergleichen. Hatte der Mechaniker auch nur
wenige Sekunden Reaktionszeit wie der Pilot? "Fahrlässig" ist mehr als
nur "versehentlich".

> Ist das Verschiessen von DU-Munition ein normaler Vorgang,
> obwohl es mittlerweile keine ernsthafte Studie gibt, die diese
> Munition als harmlos einstuft und man damit ganze Landstriche,
> aber auch die eigene Armee einem Risiko aussetzt, das weit über
> die Dauer des eigentlichen Konfliktes hinausgeht?

Woher weißt Du, ob es keine ernsthafte Studie gibt? Wie stufst Du die
Studien denn in "ernsthaft" und "nicht-ernsthaft" ein? Nach Ergebnis
der Studie?

Tatsächlich ist das Uran nur gefährlich, wenn es in den Körper
aufgenommen wird (was bei dem Uranstaub nach DU-Einsatz + auf den
zerstörten Panzern spielenden Kindern natürlich leicht geht), aber dann
hauptsächlich wegen seiner Giftigkeit als Schwermetall, was wiederum
für alle Wuchtgeschosse gelten dürfte (auch z.B. Blei oder Wolfram).
Die radiologische Wirkung ist wegen der langen Halbwertszeit (=geringe
Aktivität) viel schwächer.

"Ganze Landstriche" ist also wohl etwas übertrieben.

> Ist beim Verschiessen von Streubomben halt hinzunehmen, dass
> 10-30% der Bomblets als Blindgänger den Konflikt überleben,
> um Jahre später in den Händen eines Bauern oder Kindes zu
> explodieren?

Nein. Soweit ich weiß gibt es aber mittlerweile bessere Streubomben mit
erheblich weniger Blindgängern. Ganz vermeiden werden sich solche
natürlich nie lassen.

> Ist das Bombardieren einer Hochzeitsgesellschaft, in der man 2
> Terroristen vermutet völlig frei von juristischer oder moralischer
> Betrachtung?

Ich weiß jetzt nicht auf welchen konkreten Fall sich das bezieht, aber
das kommt immer auf die Umstände an. Was soll man tun, wenn hunderte
Menschen bei Terroranschlägen sterben und die Terroristen sich dauernd
mit "menschlichen Schutzschilden" umgeben? Aus dem sicheren Deutschland
ist es leicht über sowas hochmoralisch zu urteilen...

> Gestattet man einfachen Soldaten im Krieg einen so grossen
> Freiraum, weil in der Hektik des Gefechts halt auch mal was
> schief geht?

Vermutlich.

> Gestattet die Gesellschaft der siegenden Nationen ihren
> Führungspersönlichkeiten einen so grossen Freiraum, weil
> "die Anderen" halt angefangen haben und man sowieso
> immer mit dem Sieger ist?

Verstehe ich nicht.

Gruß
Robert

Soldaten sind Moerder

(2004-07-29 10:16:16) Autor: "Markus Ritter"

Robert Zehn wrote:
> Markus Ritter wrote:
>
>>[Agent orange/white/purple]
>>
> Hierbei handelte es sich eigentlich nicht um eine Kriegshandlung im
> eigentlichen Sinn. Die Ausbringung erfolgte über Südvietnam, die für
> Menschen schädliche Wirkung ist auf unbeabsichtigte Fehler bei der
> Produktion zurückzuführen.

Qualitätskontrolle bei C-Waffen ist also unwichtig, wenn man Sie über
befreundetem Gebiet einsetzt?

>> Ist das Verschiessen von DU-Munition ein normaler Vorgang,
>> obwohl es mittlerweile keine ernsthafte Studie gibt, die diese
>> Munition als harmlos einstuft und man damit ganze Landstriche,
>> aber auch die eigene Armee einem Risiko aussetzt, das weit über
>> die Dauer des eigentlichen Konfliktes hinausgeht?
>
> Woher weißt Du, ob es keine ernsthafte Studie gibt?

Gäbe es eine, dann würde Sie von den Befürwortern der DU-Munition
doch genannt. Gäbe es eine, dann würde das Department of Veterans
Affairs diese doch nennen, um Ansprüche ihrer Soldaten abzuwehren.
Sie tut es nicht, sondern wimmelt anders ab.

>
> Tatsächlich ist das Uran nur gefährlich, wenn es in den Körper
> aufgenommen wird (was bei dem Uranstaub nach DU-Einsatz + auf den
> zerstörten Panzern spielenden Kindern natürlich leicht geht), aber
> dann hauptsächlich wegen seiner Giftigkeit als Schwermetall, was
> wiederum für alle Wuchtgeschosse gelten dürfte (auch z.B. Blei oder
> Wolfram). Die radiologische Wirkung ist wegen der langen
> Halbwertszeit (=geringe Aktivität) viel schwächer.
>
> "Ganze Landstriche" ist also wohl etwas übertrieben.

Während Desert Storm wurde soviel von dieser Munition auf so
kleinem Raum verwendet, dass das meines Erachtens nicht
übertrieben ist.

>> Ist beim Verschiessen von Streubomben halt hinzunehmen, dass
>> 10-30% der Bomblets als Blindgänger den Konflikt überleben,
>> um Jahre später in den Händen eines Bauern oder Kindes zu
>> explodieren?
>
> Nein. Soweit ich weiß gibt es aber mittlerweile bessere Streubomben
> mit erheblich weniger Blindgängern.

10% hat die Munition, die vom BMVg beschafft wird. Mag sein,
dass es bessere gibt, aber die wird auch teurer sein.

>> Ist das Bombardieren einer Hochzeitsgesellschaft, in der man 2
>> Terroristen vermutet völlig frei von juristischer oder moralischer
>> Betrachtung?
>
> Ich weiß jetzt nicht auf welchen konkreten Fall sich das bezieht,

http://www.netzeitung.de/spezial/irak/287827.html


> Aus dem sicheren Deutschland ist es leicht über sowas
> hochmoralisch zu urteilen...

Das kann man natürlich auch anders schreiben:

Aus der Sicht des Piloten ist es leicht, über die 40 toten
Zivilisten hinwegzusehen, sind ja nicht die eigenen.

>> Gestattet die Gesellschaft der siegenden Nationen ihren
>> Führungspersönlichkeiten einen so grossen Freiraum, weil
>> "die Anderen" halt angefangen haben und man sowieso
>> immer mit dem Sieger ist?
>
> Verstehe ich nicht.

Die Führng trifft Entscheidungen, die sich nicht mit dem
Kriegsvölkerrecht in Übereinstimmung bringen lassen.

Diese Entscheidungen werden von der Bevölkerung
ignoriert, toleriert oder gar bejubelt, weil es ja gegen
die bösen gegangen ist. Man setzt ihnen, wie bspw.
"Bomber-Harris" sogar Denkmäler.

Markus

Soldaten sind Moerder

(2004-07-29 12:15:39) Autor: Hans Peter Markus

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while the remaining parts are likely unreadable without MIME-aware tools.

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Content-Type: TEXT/PLAIN; charset=X-UNKNOWN; format=flowed
Content-Transfer-Encoding: QUOTED-PRINTABLE

On Wed, 28 Jul 2004, Markus Ritter wrote:

> Heute vor 90 Jahren begann[1] der Krieg, der
> 10 Millionen Menschen das Leben kostete und
> Kurt Tucholsky zu jenen S

Soldaten sind Moerder

(2004-07-29 12:38:18) Autor: "Wolfram Heinrich"

"Robert Zehn" schrieb
> Markus Ritter wrote:
>
> > Entzieht sich der Befehl zum Ausbringen von insgesamt
> > 50000 Kubikmetern Agent orange/white/purple oder
> > das reale Ausbringen von 2000 Litern der gleichen
> > Flüssigkeiten der normalen Betrachtung und ist halt im
> > Krieg hinzunehmen?
>
> Hierbei handelte es sich eigentlich nicht um eine Kriegshandlung im
> eigentlichen Sinn.

Na, ich weiß nicht. Das Entlaubungsmittel Agent Orange ist ja nicht einfach so
ausgesprüht worden. Es sollten gezielt Wälder vernichtet werden, um dem Vietcong
die Basis (den Dschungel) für Angriffe zu nehmen. Wenn ich in deinem Garten die
Büsche umhacke, damit ich dich leichter umlegen kann, wenn du zum Pipi raus
mußt, dann würde ich das schon als aggressiven, sehr kriegerischen Akt von mir
verstehen.

> > Ist das versehentliche Bombardieren eines Zuges, der
> > nur Zivilisten befördert und in einem Land fährt, mit dem
> > man nicht im Krieg steht, etwas ganz anderes als das
> > versehentliche Vergessen eines Schraubenschlüssels an
> > einem Überdruckventil (was zu 1 Toten, 4 Schwerverletzten
> > und einer Gefängnisstrafe für den Vergessenden endete)?
>
> Das kann man wohl nicht vergleichen. Hatte der Mechaniker auch nur
> wenige Sekunden Reaktionszeit wie der Pilot?

Ach, der Pilot hatte Reaktionszeit? Sieht den Zug da unten und denkt sich...
Ich dachte immer, Bomber würden heutzutage gezielt von einer Zentrale

> Tatsächlich ist das Uran nur gefährlich, wenn es in den Körper
> aufgenommen wird (was bei dem Uranstaub nach DU-Einsatz + auf den
> zerstörten Panzern spielenden Kindern natürlich leicht geht), aber dann
> hauptsächlich wegen seiner Giftigkeit als Schwermetall, was wiederum
> für alle Wuchtgeschosse gelten dürfte (auch z.B. Blei oder Wolfram).
> Die radiologische Wirkung ist wegen der langen Halbwertszeit (=geringe
> Aktivität) viel schwächer.

Hand aufs Herz: Würde es dich nicht auch ein bißchen stören, wenn deine Kinder
beim Spielen auf den zerstörten Panzern ein bißchen viel Schwermetall einatmen?
Würde dich die Auskunft, diese Kinder würden nicht an strahlenverursachtem Krebs
sterben, sondern lange vorher an einer Schwermetallvergiftung?

> > Ist das Bombardieren einer Hochzeitsgesellschaft, in der man 2
> > Terroristen vermutet völlig frei von juristischer oder moralischer
> > Betrachtung?
>
> Ich weiß jetzt nicht auf welchen konkreten Fall sich das bezieht, aber
> das kommt immer auf die Umstände an. Was soll man tun, wenn hunderte
> Menschen bei Terroranschlägen sterben und die Terroristen sich dauernd
> mit "menschlichen Schutzschilden" umgeben? Aus dem sicheren Deutschland
> ist es leicht über sowas hochmoralisch zu urteilen...
>
Diese zynischen, menschenverachtenden Drecksterroristen lassen eine Bombe mitten
in einer Menschenmenge hochgehen, wobei so viele unschuldige Menschen sterben.
Und dann verstecken sie sich in einer Menge unschuldiger Menschen. Ist doch
klar, daß wir als moralische Hüter des Rechts darauf keine Rücksicht nehmen
können, sondern die menschlichen Schutzschilde halt mit in die Luft sprengen
müssen. 10 tote Kinder sind kein zu hoher Preis, wenn ich dafür einen
Terroristen mit erwische.

Ciao
Wolfram


--
Der Franze hat gsagt, er lernt nix. Weil, sagt er, wer was kann, muß es auch
machen.

http://www.theodor-rieh.de/heinrich/
www.theodor-rieh.de

Soldaten sind Moerder

(2004-07-29 13:47:51) Autor: "Harald Maedl"

Markus Ritter wrote:
>[Tucholsky + Zitat]
>...Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder."
> Wie sieht das denn die versammelte Leserschaft?

An sich ist es müßig, sich als Soldat zu ärgern, wenn die eigene
Berufsgruppe sich als Mörder titulieren lassen muss.
Das Bundesverfassungsgericht hat eindeutig festgelegt, dass
Meinungsfreiheit Vorrang zum Ehrenschutz einer nicht näher definierten
Menge einer Gruppe hat. Das betrifft nicht nur Soldaten, sondern auch
Polizisten etc.
Ein bißchen was ist u.a. hier beschrieben:
<http://www.bpb.de/publikationen/R8ZYV0,2,0,Das Bundesverfassungsgericht und die Meinungsfreiheit.html>

Obwohl es sinnlos ist, sich darüber aufzuregen, habe ich mich
seinerzeit durchaus empört.

> Wann wird aus einem Einsatz, den man antritt um sein
> Land, die Demokratie, die Menschenrechte zu schützen
> etwas, das in irgendeiner Weise justiziabel werden sollte
> (ob man das jetzt Mord, Totschlag, fahrlässige Tötung,
> oder gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge nennt
> jetzt mal aussen vor), wo fängt die moralische Schuld an?

Das sind Fragen des gesellschaftlichen Konsens. Wenn man einem Staat
das Recht der Selbstverteidigung zubilligt, oder wenn bestimmte
Verbrechen mit Todesstrafe belegt werden, dann ist Töten staatlich
legitimiert.
Mord jedoch ist Töten aus niederen Beweggründen.
Deswegen wurde oftmals ja auch argumentiert, das im Zusammenhang mit
jener leidigen Diskussion in dem dieses Zitat gefallen war, gemeint
gewesen sei, dass Soldaten lediglich "potentielle" Mörder seien.
Das jedoch trifft im Prinzip auf jeden Menschen zu.
Ich persönlich halte das Zitat, das damals im Rahmen der
SS20/Pershing-II-Debatte fiel, für eine Verunglimpfung und eine bewußt
herbeigeführte Provokation, für politische Zwecke mißbraucht, um eine
ganze Gruppe der Bevölkerung in Mißkredit zu bringen.
Es war meines Erachtens keine "Meinungsäußerung", die aus Dummheit
geboren wurde, sondern es war meinem Empfinden durchaus als Beleidigung
gedacht. Beweisen kann man so etwas natürlich nicht. Selbst schuld,
wenn man sich betroffen fühlt...
Mit der Bezeichnung "Mörder" sollten Soldaten bewußt zu niederträchtig
handelnden Menschen herabgesetzt werden.
Ich war damals durchaus der Meinung, dass das Bundesverfassungsgericht
damit den Ehrenschutz des treu dienenden Soldaten geradezu verhindert
hat.
Andererseits hat jedoch die Geschichte gezeigt, dass im Krieg die
Sitten verrohen, dass Hemmschwellen sinken, und dass tatsächlich viele
Soldaten zu Mördern geworden sind.
Jedoch eine pauschale Diffamierung eines ganzen Berufsstandes,
abgesegnet durch die obersten Verfassungshüter, ist schon ein starkes
Stück. Meinungsfreiheit kann imho nicht ohne Grenze sein. In dem Fall
jedoch eine schon schwierige Entscheidung. Mir fehlt in diesem Fall
eine gewisse Objektivität, zugegeben.

> Entzieht sich der Befehl zum Ausbringen von insgesamt
> 50000 Kubikmetern Agent orange/white/purple oder
> das reale Ausbringen von 2000 Litern der gleichen
> Flüssigkeiten der normalen Betrachtung und ist halt im
> Krieg hinzunehmen?

Solange es dem Kriegsvölkerrecht entspricht, hat der Soldat keine
Möglichkeit, einen solchen Befehl zu verweigern.
Es kann sich vielleicht ein wenig "blöd" anstellen. Wurde übrigens in
den Weltkriegen sehr häufig beobachtet, dass Soldaten, obwohl sonst
gute Schützen, auf einmal nicht mehr trafen.
Die verwendeten Waffen sind im Grunde genommen nebensächlich, gleich
welche grauenvolle Wirkung sie hervorrufen.

> Ist das versehentliche Bombardieren eines Zuges, der
> nur Zivilisten befördert und in einem Land fährt, mit dem
> man nicht im Krieg steht, etwas ganz anderes als das
> versehentliche Vergessen eines Schraubenschlüssels an
> einem Überdruckventil (was zu 1 Toten, 4 Schwerverletzten
> und einer Gefängnisstrafe für den Vergessenden endete)?

Klingt wie Polemik. ich sage jetzt nur mal ein paar Stichworte:
- Kriegsvölkerrecht
- fahrlässig
- grob fahrlässig
- vorsätzlich

> Ist das Verschiessen von DU-Munition ein normaler Vorgang,
> obwohl es mittlerweile keine ernsthafte Studie gibt, die diese
> Munition als harmlos einstuft und man damit ganze Landstriche,
> aber auch die eigene Armee einem Risiko aussetzt, das weit über
> die Dauer des eigentlichen Konfliktes hinausgeht?

Keine Munition ist harmlos, Zum Rest haben schon andere etwas
beigetragen

> Ist beim Verschiessen von Streubomben halt hinzunehmen, dass
> 10-30% der Bomblets als Blindgänger den Konflikt überleben,
> um Jahre später in den Händen eines Bauern oder Kindes zu
> explodieren?

Was willst du als Soldat machen? Du mußt dich schon auf dein Material
verlassen können.
Man wird kaum in Lage sein, jedes Teil einzeln zu überprüfen.
In modernen Kriegen ist es nun mal so, dass die Hauptleidtragenden
meistens die zivile Bevölkerung ist, selbst mit. "intelligenten" Waffen
und Zielsystemen.
Wenn die Bevölkerung eines unrechtmäßig angreifenden Staates ihre
Regierung unterstützt, muss sie mit den Folgen leben.
Ich möchte nichtbestreiten, dass manche als Selbstverteidigung
deklarierten Kriege im Prinzip reine Angriffskriege sind, die
geostrategische Interessen sichern sollen. Aber das steht auf einem
anderen Blatt.

> Ist das Bombardieren einer Hochzeitsgesellschaft, in der man 2
> Terroristen vermutet völlig frei von juristischer oder moralischer
> Betrachtung?

Nein, warum sollte es das? Hat das jemand behauptet? Üblicherweise
ballern die (es geht hier ja um den Irak), bei Hochzeitsfeierlichkeiten
mit ihren Gewehren herum. Dass die angstschießenden amerikanischen
Soldaten bisweilen Nerven zeigen, ist keine Neuigkeit. Ob es deutschen
Soldaten, die keinerlei praktische Kriegserfahrung haben, anders
ergehen würde? Ich wage es zu bezweifeln.

> Gestattet man einfachen Soldaten im Krieg einen so grossen
> Freiraum, weil in der Hektik des Gefechts halt auch mal was
> schief geht?

Der amerikanische Soldat hat praktisch keinen Freiraum in seiner
Entscheidung. Die führen Drehbücher mit sich herum. Wenn etwas
unvorhergesehenes geschieht, müssen sie erstmal ihren Vorgesetzten
fragen, der wiederum seinen Vorgesetzten fragen muß etc.
Führen durch Auftrag ist zwar mittlerweile auch verstärkt bei den
Amerikanern eingeführt worden, dennoch hat ein deutscher Leutnant wohl
mehr Freiheit in der Entscheidung als ein amerikanischer
Bataillonskommandeur.
Und im Krieg geht nur selten etwas glatt. Man unterschätzt die
psychiche und physische Belastung, die Soldaten ausgesetzt sind. Ich
empfehle immer wieder mal persönliche Erfahrungsberichte von Soldaten
aus den Weltkriegen zu lesen. Das ernüchtert.
Wer im Frieden als Mordsmolli seinen Hintern breitsitzt und
Sesselpfürze von sich gibt (die Lieblingsbeschäftigung deutscher
Soldatenbürokratie), ist noch lang kein stark belastbarer Soldat im
Krieg.

Grüße
Harald

Soldaten sind Moerder

(2004-07-29 14:46:12) Autor: Benjamin Schwenk

Markus Ritter wrote:

> Nachdem es bisher noch keiner aufgegriffen hat:
>
> Heute vor 90 Jahren begann[1] der Krieg, der
> 10 Millionen Menschen das Leben kostete und
> Kurt Tucholsky zu jenen Sätzen veranlasste:
>
> "Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes,
> auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine
> halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.
> Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder."
>
> Wie sieht das denn die versammelte Leserschaft?

Ich weiß nur folgendes:

hätte Deutschland beim Irak-Krieg mitgemacht, und wäre das bei unserem
derzeitgigen Verfassungsgericht als rechtmäßig durchgekommen (wovon ich
ausgehe, die Jungs haben diesbezüglich jedes Maß verloren), dann hätte man
nach der gleichen Argumentation locker sowohl den Angriff auf Polen im
zweiten Weltkrieg, als auch den Angriff auf Serbien im ersten Weltkrieg
rechtfertigen können.

Oder, um es anders zu sagen, wären wir im Irak dabei gewesen, wäre die
moralische Entfernung zu den Regierungen von damals in dieser wichtigen
Frage auf Null gesunken.

Gruß
Benjamin